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200.000, 300.000 oder 500.000 Flüchtlinge arbeiten schwarz. Wirklich?

24. September 2016

Viele der in 2015 und 2016 angekommenen Flüchtlinge arbeiten laut Recherche von NDR Info schwarz. Zu Dumpinglöhnen und unter schlechten Arbeits- bedingungen. „Immer wieder“, so der Tenor, vermitteln dabei Mitarbeiter oder Besucher von Flüchtlings- unterkünften Schwarzarbeiterjobs gegen Provision. Diese Meldung hat es in den Deutschlandfunk, die Tagesschau und in viele andere Medien gebracht.

Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Linz schrieben in einer Studie, der Anteil der Schwarzarbeiter liege bei bis zu 30 Prozent der 1,1 Millionen Flüchtlinge. Flüchtlingshelfer und Sozialarbeiter würden von einer Quote zwischen 10 und 50 % ausgehen. 300.000 oder mehr schwarz arbeitende Flüchtlinge, eine ungeheure Zahl. Müssten die nicht irgendwann mal auffallen?

aufenthaltsprobleme.info hat nachgeschaut, worauf die wissenschaftlich belegten Zahlen beruhen.

Die „immer wieder“ gegen Provision vermittelnden Mitarbeiter von Asylunterkünften sind genau 1 – in Worten ein – bundesweit bekannt gewordener Fall. Ein inzwischen entlassener und strafrechtlich verfolgter Mitarbeiter einer Flüchtlingsunterkunft aus Wunstorf soll versucht haben, Flüchtlinge gegen Provision in Schwarzarbeit zu vermitteln, wie Zeit online recherchierte.

Der Hotel- und Gaststättenverband, die Gewerkschaft des Baugewerbes und der Zentralverband Nahrung-Genuss-Gaststätten haben keinerlei Anhaltspunkte oder Erkenntnisse über schwarz arbeitende Flüchtlinge.

Dem bundesweit mit 6700 Kontrolleuren nach Schwarzarbeit fahndenden deutschen Zoll fallen im Monat 6 bis 11 – also jährlich etwa 100 -Flüchtlinge auf. Das sind weit weniger als 0,1 % der von den Wissenschaftlern bzw. von NDR Info genannten Zahlen.

Merkwürdig, denken wir uns. Haben die Wissenschaftler sich so sehr verrechnet?
Deshalb haben wir uns die erwähnte wissenschaftliche Studie, verfasst im Februar 2016 im Namen zweier Professoren der Unis Tübingen und Linz, mal angeschaut. Einer von ihnen sagte, es ginge dabei um ein Stimmungsbild, nicht um eine wissenschaftliche Untersuchung. Seis drum, auf Seite 26 dieses „Stimmungsbilds“ finden wir Folgendes:

„Aus diesen Annahmen ergibt sich eine Aufstockung des potenziellen Arbeitsangebots in der Schattenwirtschaft um 285.000 + 385.000  + 130.000 = 800.000 Personen. Wieviele davon tatsächlich in der Schattenwirtschaft tätig werden und in welchem Umfang dies geschieht, ist derzeit vollständig unbekannt. Daher müssen Szenarien an die Stelle von Wissen gesetzt werden.
Im mittleren Szenario nehmen wir an, dass 25 % dieser Personen, also 200.000 Personen, in der Schattenwirtschaft tätig werden.“

Szenarien stellen hypothetische Folgen von Ereignissen auf, um auf kausale Prozesse und Entscheidungsmomente aufmerksam zu machen.

Szenarien anstelle von Wissen, Hypothesen auf der Basis von „vollständig unbekannt“, ohne valide Daten? Stimmungsbilder statt Wissenschaft?

So fällt es natürlich leicht, Unsinn in die Welt zu setzen und Flüchtlinge allgemein zu verunglimpfen. Das wird dann von den Medien unreflektiert aufgenommen, als „bare Münze“ verkauft. Die Deutschen halten nach einer Studie im Auftrag des WDR nur zu 52 % Informationen in den Medien für glaubwürdig. 72 % sprechen dabei aber nicht von Lügenpresse. Es ist aber gut – gerade in Zeiten der nahezu unkontrollierbaren sozialen Medien – skeptisch zu bleiben.

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